Lotta Hench und eine der Puppen, deren Part sie beherrscht: Eine Hexe aus Shakespeares "Macbeth". Mainaschaff Das Puppenschiff kennt sie schon ewig: Lotta Hench saß schon als kleines Mädchen im Publikum, wenn Dornröschen und Froschkönig die hölzernen Glieder reckten. Doch erst seit einem Jahr und ziemlich genau vier Monaten ist die 16-Jährige mitten drin, wenn hinter der kleinen Bühne in Mainaschaff die Fäden gezogen werden. Denn seit Januar 2008 gehört Lotta Hench zum Team der Ehrenamtlichen, die das Puppenschiff auf Kurs halten.
Die rund 20 Aktiven vom "Theater in der Krone" - so heißt der Verein, weil die Puppenschiff-Bühne über dem Mainaschaffer Gasthaus Krone liegt - lassen nicht nur die Puppen tanzen: Sie schnitzen Holzköpfe, nähen Prinzessinnen-Roben, pflegen die Homepage, verkaufen Getränke, reißen Eintrittskarten ab, fegen zwischen den Stuhlreihen und entrümpeln den Theaterdachboden. Lotta hat inzwischen herausgefunden, was ihr von all dem am meisten liegt: das Puppenspielen.
Doch bis das Fadenkreuz dem Willen seines Spielers gehorcht, kann einige Zeit vergehen. "Es ist eine Heidenarbeit, das zu lernen", sagt Lotta Hench. Obwohl sie inzwischen schon anspruchsvollere Rollen übernimmt, weiß Lotta, dass es immer noch etwas zu lernen gibt: Zurzeit arbeitet sie vor allem daran, ihre Puppen nicht mit hängendem Kopf ins Rampenlicht zu schicken. "Von oben sieht man das schlecht", erklärt die Schülerin, die gerade die 11. Klasse des Aschaffenburger Dalberg-Gymnasiums besucht.
Überraschungen warten hinter dem roten Vorhang der Puppenbühne zuhauf. "Man denkt immer, das wäre wie beim Theater, wo man immer im Mittelpunkt steht", erinnert sich Lotta Hench, "aber das ist ganz anders". So anders, dass Lotta heute manchmal lachen muss, wenn ihr die Leute erzählen, wie sie sich die Abläufe vorstellen. "Viele denken, wir würden die Puppen nicht nur spielen, sondern auch den Text sprechen", berichtet sie. Aber das würde nicht funktionieren: Die Stimmen der Figuren und alle Effektgeräusche werden lange vor der Premiere im Tonstudio auf Band gespielt. Die Spieler müssen deshalb genau auf ihre Einsätze horchen.
Nicht nur der Applaus am Ende der Vorstellung entlohnt Lotta für die viele Arbeit, die sie in das Puppenschiff steckt. Sie schätzt auch die gute Gemeinschaft im Verein, wo sie längst nicht nur nur Altersgenossen trifft. "Es ist ungewöhnlich, dass man mit 16 schon mit Erwachsenen befreundet ist", hat Lotta Hench festgestellt. Und diese außergewöhnlichen Freundschaften findet sie nicht nur spannend - sondern gelegentlich auch ungemein nützlich: wenn zum Beispiel eine Physikschulaufgabe ansteht und der Ingenieur, der da gerade am Puppenkopf schnitzt, die Formel erklären kann.
Ein Leben ohne das Puppenschiff kann ich mir im Moment nicht vorstellen. Lotta Hench Die Chancen stehen gut, dass Lotta noch viele interessante Leute hinter der Bühne kennen lernt - denn der Verein ist immer auf der Suche nach neuen Aktiven. Ob Bastler, Tüftler, Techniker, Kreative oder Spielwütige: Im Puppenschiff ist noch ein Plätzchen frei. Was ein Neuling mitbringen muss, weiß Dominic Gentil vom Organisationsteam des Vereins: "vor allem Herzblut für die Sache". Denn Hinterhertelefonieren könne man niemandem lange. Wer im Team mitmachen wolle, müsse es aus eigenem Antrieb tun.
Als großes Plus werten die Aktiven, dass sie ihre Zeit im Verein relativ frei einteilen können - obwohl die meisten viele Stunden in ihr ungewöhnliches Hobby stecken. "Aber hier meckert niemand, wenn man mal drei Monate lang nicht kann", erläutert Lotta Hench. Dass sie selbst nach einer längeren Pause irgendwann nicht mehr zurückkommen wird, glaubt sie nicht: "Ein Leben ohne das Puppenschiff kann ich mir im Moment überhaupt nicht vorstellen."
Moni Münch
Aus dem Main-Echo vom 26. Mai 2009