25 Jahre Marionettentheater »Puppenschiff« in Mainaschaff
MAINASCHAFF. Nein, um ein Hobby handele es sich nicht, widerspricht Bernd Weber seiner langjährigen Mitarbeiterin Ina Pohl. »Das ist mehr, das ist eine Passion.« Der Siebenundfünfzigjährige, der als »Vater« des Marionettentheaters »Das Puppenschiff« in Mainaschaff gilt, muß es wissen. Schließlich treibt ihn die künstlerische Leidenschaft bereits ein Vierteljahrhundert um. 1973 gründete er eine Reisebühne und ging mit dem zerlegbaren Marionettentheater auf Tournee.
Heute lebt der Volksschullehrer in Stockstadt. Auch die übrigen Mitglieder des Theaters in der »Krone« stammen nicht aus Mainaschaff, sondern wohnen in der näheren Umgebung. Sie alle haben jedoch dafür gesorgt, daß sich die Gemeinde dank des »Puppenschiffs« inzwischen weit über die Landkreisgrenzen hinaus einen Namen gemacht hat. Zwischen September und Juni findet in dem ehemaligen Dorfsaal jedes Wochenende nicht nur Puppentheater für Kinder und Erwachsene statt, sondern es werden auch Zaubervorstellungen, Theateraufführungen, Jazzabende, Kabarett oder Pantomime geboten.
Bevor sich Ende 1989 allerdings der Vorhang zum ersten Mal für eine Aufführung des »Puppenschiffs« heben konnte, waren Ausdauer und »Leidensfähigkeit« (so Weber über die freiwilligen Helfer) gefragt. Eine kleine Truppe brachte den Saal auf Vordermann. Alte Wandverkleidungen und Tapeten mußten abgerissen, die vorhandene Bühne feuersicher gemacht, ein neuer Vorhang angeschafft und die Elektrik vollständig erneuert werden. An die Decke gemalte Sternenbanner erinnerten an die Zeit, als sich in dem ehemaligen Tanzsaal die Amerikaner vergnügt hatten. Das »Puppenschiff« kommt ohne Subventionen aus. Dem Förderverein »Theater in der Krone« gehören 53 Mitglieder an. 25 bis 30 von ihnen unterstützen das Projekt durch aktive Mitarbeit.
Künstlerischer Kopf und treibende Kraft ist Weber. der nicht nur eigene Texte geschrieben, sondern auch zahlreiche Theaterstücke und Märchen für das »Puppenschiff« bearbeitet hat. Der Siebenundfünfzigjährige ist auch für die Musik zuständig und entwirft die Köpfe der Puppen. Doch auf seine Kreativität bildet er sich nichts ein. »Das Künstlerische macht zwei Prozent aus, der Rest ist Drecksarbeit.« Zum Handwerk gehören das Hobeln, Sägen, Fräsen und Bohren der Figuren. Wer sich für solche Tätigkeiten nicht zu schade ist, wird gerne in die Gruppe aufgenommen.
Am Puppentheater fasziniert Weber die Möglichkeit, den Menschen in der Überzeichnung darzustellen. Marionetten hätten etwas Anrührendes, und zugleich reizten sie zum Lachen. Der Mensch werde zur Karikatur. Unter den Hunderten von Holzpuppen, die dichtgedrängt in einem Abstellraum auf ihren nächsten Auftritt warten, gibt es einen Bürokraten in Form eines Leitz-Ordners, eine Beamtenschnecke, ein Ozonloch, Märchen- und Fabelwesen, Skelette und Ritter, eine Geige spielende Grille, ein Weltraumkind und ein Klavier, das sich in ein Pferd verwandeln kann. Viele Szenen, die mit Leichtigkeit daherkommen, bedürfen großer Virtuosität.
Allein für die Apfelübergabe bei »Schneewittchen« braucht man drei Spieler. Auch die Köpfung des Hahns in dem Stück »Gockel, Hinkel und Gackeleia« hat sehr viele Versuche gekostet. Gelöst werden mußte das Problem, Kopf und Körper, die eben noch an gemeinsamen Fäden hingen, voneinander zu trennen und für die nächste Szene wieder zusammenzuführen. Der 18 Jahre alte Christoph Sauer ist über seine Mutter zum Puppentheater gekommen. Er gehört seit seiner Kindheit dem Ensemble an. Der Schüler findet: »Das ist doch ein billiges Hobby.«
Zur Motivation seiner Mitspieler fällt Weber spontan folgendes ein: »Wir spinnen halt ein bißchen.« Dann fühlt er sich doch noch zu einer Erklärung genötigt und ergänzt: »Man ist doch dabei, wie ein Gesamtkunstwerk entsteht. Jeder hat hier die Möglichkeit zu gestalten und zu experimentieren und ein Publikum in den Bann zu ziehen.«
Geld verdient niemand mit dem Marionettentheater, das bereits so viele Kinder und Erwachsene verzaubert hat. Die Einnahmen werden für die Miete ausgegeben und in die Herstellung der Puppen sowie in die technische Ausstattung investiert. »Wir halten uns über Wasser«, sagt Pohl und äußert sich zufrieden darüber, »daß wir nichts draufzahlen müssen.« Nach Angaben von Weber kostet eine Produktion rund 10000 Mark.
Pro Jahr gibt es ein bis zwei neue Produktionen. Zur Zeit wird die Odyssee von Homer einstudiert. Ob die Premiere bereits im Mai sein kann, ist noch ungewiß. Zum Repertoire des »Puppenschiffs« gehören inzwischen fünf Kinder- und sieben Erwachsenenstücke. Sie tragen Neugier erweckende Titel wie »Wer ist in mein Fettnäpfchen getreten?«, »Was macht die Wursthaut auf meinem Sargdeckel?« oder »Der Zauberer Bebrakadebra und sein Zebra«. Erst kürzlich stand auch das »Alte Puppenspiel vom Doktor Faust« auf dem Programm, das Weber als Pflichtstück für alle Puppentheater bezeichnet.
Die Dialoge kommen während der Vorstellung übrigens vom Band. Nicht jeder Puppenspieler sei auch ein begnadeter Sprecher, sagt Weber. Eine zweite Kassette und Klebeband liegen deshalb für Notfälle immer in Reichweite der Spieler. Und was ist zu tun, wenn sich einmal die bis zu 30 Fäden einer Puppe verheddern? Weber weiß aus Erfahrung: »Dann hilft nur noch die Schere.«
AGNES SCHÖNBERGER
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.04.98